Jun 27, 2009
In diesem Monat hat eine Gruppe von Bonobos eine bemerkenswerte Reise unternommen. Die Zwergschimpansen, die von der WSPA Mitgliedsorganisation Les Amis des Bonobos gepflegt worden waren, wurden in ihre natürlichen Lebensräume ausgewildert – als erste Bonobos überhaupt.
Dr. Nick de Souza von der WSPA und ärztlicher Berater des Lola y Bonobo-Schutzzentrums, übernahm die tierärztliche Leitung der Auswilderung. Gemeinsam mit dem Team des Schutzzentrums reiste er in ein abgelegenes Gebiet der Demokratischen Republik Kongo, um die Männchen Mbano, Lomela, Beni, Lomami, Kubulu und Max, und die Weibchen Lukaya, Lisala und Etumbe auszusetzen.
Mehr über die Vorbereitung der Auswilderung >>
Als die Bonobos (in Transportkäfigen) am 14. Juni ein eigens präpariertes Flugzeug von Kinshasa bestiegen, waren sie in Begleitung von Nick sowie der Tierärztin Dr. Marie-Laure Doppajne. Ein zweites Flugzeug beförderte den Rest des Teams, zu ihm gehörte auch die Gründerin von Lola ya Bonobo, Claudine Andre.
Wie manche Menschen vertragen auch Bonobos zum Teil Flüge nicht besonders gut. Damit sie den Flug trotzdem stressfrei überstehen konnten, wurde den Ängstlichen unter ihnen ein in Honig vermischtes, leichtes Beruhigungsmittel auf die Unterlippe gestrichen. „Der Flug verlief zum Glück ereignislos. Besonders Itumbe, ein hochschwangeres und sehr intelligentes Weibchen war zuvor sehr ängstlich gewesen. Sie sorgte sich um ihren Sohn, Mbano. Aber sobald das Bonobo-Weibchen merkte, dass die gesamte Gruppe zum Flughafen aufbrach, entspannte sie sich. Das war eine große Erleichterung, denn ihre Schwangerschaft verbot es, ihr mehr Beruhigungsmittel zu geben”, berichtete Nick.
Bei der Ankunft in Basankusu mussten zwanzig Polizisten Hunderte von Menschen unter Kontrolle halten, die die Bonobos willkommen heißen wollten! Die Bonobos selbst – sicher auf ihrem Transportwagen untergebracht – blieben allerdings gänzlich unbeeindruckt von den Begeisterungsstürmen, die sie auslösten.

Die Gruppe segelte über den Lopori Fluss zur Auswilderungsstation. Flache Boote waren zusammengebunden worden, um eine Plattform für die Transportkäfige zu schaffen. Auch unterwegs untersuchten Nick und Marie-Laure die Affen immer wieder. Da diese Auswilderung Pionierarbeit ist, wurden die Reaktionen der Tiere besonders sorgfältig beobachtet und aufgezeichnet.
„Es war eine wundervolle Reise”, erzählte uns Nick. „Obwohl wir einige stressige Momente hatten, verlief die Umsiedlung insgesamt sehr gut. Nach unserer Ankunft ließen wir die Bonobos einen nach dem anderen aus ihren Käfigen, so dass sie einzeln Gelegenheit hatten, sich umzusehen und nach und nach zurechtzufinden.”
Bereits 2008 hatten die Vorbereitungen für den Bau des Auswilderungsgeheges begonnen. Die heutige Anlage ermöglicht es den Bonobos, sich schrittweise an ihre neue Umgebung anzupassen, während Tierärzte dabei ihr Wohlergehen überwachen.
Die Ankunft der Zwergschimpansen war ein wahres Abenteuer, wie Nick uns beschrieb: „Die Bonobos schienen alle völlig fasziniert zu sein, nach der langen Reise in die neu gewonnene Freiheit entlassen zu werden. Besonders die Kleinen waren sichtlich aufgeregt – ganz wie menschliche Kinder am Ende eines langen Schultags. Sie rannten umher, kletterten auf Bäume, rissen Hände voll Blätter ab und schleuderten sie in schierem Entzücken herunter!”
Lisala erwies sich als die Abenteuerlustigste von allen. Nachdem sie einige Zeit allein die Umgebung erforscht hatte, kam Claudine hinzu, die unbedingt sicher sein wollte, dass Lisala von ihrer neuen Umgebung nicht zu sehr überwältigt wird. Um nicht allein zurückgelassen zu werden, kletterte Lukaya spontan eine Palme hoch und katapultierte sich selbst in den Wald! Alle waren erleichtert, als die wagemutigen Weibchen zurückkamen, offenkundig zufrieden mit ihrer neuen Umgebung.

Schon wenige Tage später bewegten sich alle neun Bonobos sehr selbstsicher auch außerhalb des Geheges. Nach einigen Nächten in der Wildnis schienen sie jegliche Nervosität überwunden zu haben. Auch Nahrung fand die Gruppe recht schnell – eine Fertigkeit, die die Affen in den offenen Gehegen der Tierpflegestation gelernt hatten. Vorläufig besteht das tägliche Menu jedoch noch aus Bananen und Orangen, die im Gehege zugefüttert werden. Dies ist eine notwendige Maßnahme – dadurch, dass die Bonobos zum Gehege kommen, um Futter abzuholen, können sie dort während der Eingewöhnungsphase auch regelmäßig untersucht und medizinisch versorgt werden.
Ein verantwortungsbewusstes Auswilderungsprogramm braucht seine Zeit. Selbst wenn die Bonobos das Gehege ganz verlassen haben, werden sie einige Wochen lang weiterhin von Experten überwacht werden: Ein Ecoguard-Team von zwölf Fährtenlesern ist im Hintergrund dabei, während sie sich im Wald einrichten. Nick hofft, dass die Fährtenleser schnell akzeptiert werden – die Bonobo-Gruppen sind matriarchalisch organisiert, und als männliches Team wird Ecoguard einige Zeit brauchen, bis sie ihr Vertrauen gewonnen haben.
Als größte Herausforderung auf lange Sicht gilt jedoch der Erhalt einer freundlichen Beziehung der lokalen Bevölkerung zu den Bonobos. Der Buschfleisch- und Haustierhandel ist der häufigste Grund, aus dem die Bonobos gejagt und misshandelt werden – und meist der Grund dafür, dass die Affen überhaupt erst im Lola y Bonobo-Schutzzentrum aufgenommen werden.
Aber die Zeichen stehen gut. Schon seit über einem Jahr läuft in der Region ein Tierschutz-Bildungsprogramm, das bei der Erziehung der Kinder in den Schulen ansetzt. Der ständige Kontakt von Tierschützern mit den örtlichen Vorständen soll außerdem dafür sorgen, dass der Tierschutz auch politisch verankert ist – um sehr bald auch auf allen anderen Ebenen selbstverständlich zu werden.